Werte, Moral und höhere Mächte

von Jens Brodzinski, in Männer Aktuell, 10/2005

Der Schriftsteller STEPHAN NIEDERWIESER (43) über Altersunterschiede, die Szene als Spiegel und Risiken und Nebenwirkungen der Monogamie

Dem gelernten und einst praktizierenden Heilpraktiker STEPHAN NIEDERWIESER juckte es schon immer in den Fingern. Als der gebürtige Bayer merkte, dass der Beruf des Heilpraktikers nicht seine eigentliche Berufung ist, schloss er 1992 seine Praxis in München und widmete sich fortan der Schreiberei, zunächst als Journalist und Redakteur für diverse Boulevardzeitschriften und dann als Schriftsteller. Seit 1998 sein erster Roman erschien, ließ er die Feder nicht mehr ruhen. Es folgten weitere Romane – und diverse Ratgeber rund um den schwulen Sex. Nun ist sein inzwischen fünfter Roman „Zumindest manchmal“ erschienen. männer aktuell traf den Schriftsteller, der seit über einem Jahr in der Hauptstadt lebt („Weil Berlin die geilere Stadt ist!“). Hier pflegt er eine Partnerschaft mit einem wesentlich älteren Schwulen, was für den „Meister der Gefühle“, wie ihn ein Kritiker mal bezeichnete, eine ganz neue Erfahrung ist.

Zwischen René und Kjell-Åke, den beiden Protagonisten deines neuen Romans, liegt ein großer Altersunterschied. Ist das beabsichtigt?
Der Altersunterschied spielt im Roman nur peripher eine Rolle. Die Möglichkeit hat sich so ergeben. Trotzdem: Das Thema Alter wird in der Szene bislang nur wenig diskutiert.

© Georg Rohlfing

Du lebst selbst in einer Partnerschaft mit großem Altersunterschied.
Ja, Sven-Erik ist 25 Jahre älter als ich. Für mich ist das eine ganz neue Situation, vor allem mit den Reaktionen umzugehen, wenn wir gemeinsam auftreten. Der Keim für den Roman „Zumindest manchmal“ ist aber erheblich älter, auch wenn sich das eine oder andere an Erfahrungen im neuen Roman wiederfindet.

Wie sehen die Reaktionen aus?
Die absolute Krönung war, als wir im Frühjahr beide mit der Grippe darniederlagen und der Notarzt trotz beider Namen auf dem Klingelschild und dem gemeinsamen Schlafzimmer fragte, ob Sven-Erik mein Vater sei.

Die Medien bedienen permanent den Jugendkult, obwohl sich immer mehr Menschen ein Umdenken wünschen. Nicht selten greift man am Kiosk dann aber doch lieber zum Magazin mit den Waschbrettbäuchen.
Es ist ja nichts Neues, dass in unserer Gesellschaft ältere Menschen gerne übersehen werden. Ältere Schwule haben es doppelt schwer. Eine ausgewogenere Verteilung der Altersgruppen in der Szene wäre wünschenswert, scheint aber momentan ziemlich unwahrscheinlich. Man kapiert das erst, wenn man selbst davon betroffen ist. Und dann ist es meist zu spät.

Was könnte man verändern?
Als ich Mitte der 80er Jahre in den USA lebte, arbeitete ich in einer Schulbuchredaktion. Da saßen Leute, die per Gesetz dafür sorgten, dass jede ethnische Gruppe der Quote entsprechend vertreten war. Mir war das damals suspekt. Heute fände ich das sehr sinnvoll, da Minderheiten bzw. bestimmte Gruppen der Gesellschaft eine Chance bekämen, gesehen zu werden. Auf schwule Medien bezogen würde das bedeuten, eben auch behinderte Schwule zu zeigen, lange dürre, kleine dicke, haarige und eben die Älteren.

Dein Freund ist Schwede, wie übrigens auch deine Romanfigur Kjell-Åke. Das skandinavische Land gilt gemeinhin als fortschrittlich im Umgang mit Homosexualität.
Unser Bild von Schweden ist so verzerrt wie unser Bild von Holland, weil wir immer nur an Stockholm denken oder an Amsterdam. Dabei sieht es dort in den ländlichen Regionen teilweise noch schlimmer aus als in Deutschland. In Holland ist der Einfluss der erzkonservativen Calvinisten immens, so etwas wäre in Deutschland unvorstellbar. Sven-Erik ist von der Freizügigkeit in Deutschland immer wieder überrascht. Die Protestanten haben in Schweden noch ziemlich den Daumen drauf.

Dem Schweizer Magazin „Cruiser“ sagtest du mal, Werte und Moral hätten an Bedeutung verloren. Wer trägt die Verantwortung?
Der Einzelne, keine Frage. Es wäre viel geholfen, wenn sich die Leute bewusster würden, dass das, was sie tun, weit reichende Konsequenzen hat. Ich spreche dabei nicht im Sinne eines katholischen Schuldkomplexes, sondern im Sinne eines Naturgesetzes. Auf die schwule Szene bezogen: Es ist enorm viel Unehrlichkeit unterwegs – angefangen bei falschen Versprechungen bis hin zur kaltschnäuzigen Umgangsweise untereinander. Das prägt „die Szene“. Wer dort Anschluss sucht, wird wiederum von der Szene geprägt. So kommt der Teufelskreis in Gang.

Du sagtest auch, die Szene sei bestenfalls ein Spiegel. An welchen Stellen würdest du Make-up auftragen?
Ich übertünche nicht, auch würde ich nichts wegoperieren. Es muss Entwicklung stattfinden, die von innen kommt, vom Einzelnen. Aus Erfahrungen müssen Überzeugungen werden, die letztlich zu Weisheit reifen.

Was konkret sollte angegangen werden?
Die Menschen müssen sich der Vergänglichkeit bewusst werden. Das, wonach man heute jagt, wird morgen nicht mehr interessant sein. Wer das erkennt, stellt sich automatisch die Frage: Was ist wirklich wichtig?

Schicksal – was heißt das für dich?
Ich glaube nicht an eine Vorherbestimmung von außen. Damit macht man es sich einfach. Jeder Mensch ist für sein Leben selbst verantwortlich. Er schafft es sich durch sein Denken und sein Tun.

Glaubst du an einen Gott?
Nein, aber an höhere Mächte.

Was ging dir durch den Kopf, als BILD titelte: „Wir sind Papst!“?
Die Frage, wie man einem Menschen so viel Macht zusprechen kann. Schon der Wirbel nach dem Tod von Johannes Paul II. überraschte mich total.

Glaubst du, Benedikt XVI. ist schwul?
Ich hoffe für alle Beteiligten, dass er es nicht ist!

Dass Liebe und Tod zwei immer wiederkehrende Themen in deinem Leben und deinen Romanen sind, begründest du mit deinem Sternzeichen: Skorpion.
Ich bin ein dramatischer Mensch, ja.

Das heißt, wenn es daheim kracht, geht auch mal was zu Bruch?
Teller fliegen zwar in meinen Büchern, aber privat nie. Ich könnte höchstens mal jemanden erschießen.

Bitte?
(lacht) … im Geiste, denn ich habe keine Waffe.

In deinem Roman führst du Risiken und Nebenwirkungen der Monogamie vor …
Monogamie ist wesentlich komplexer als sie gemeinhin behandelt wird. Deswegen sind die Diskussionen darüber so unfruchtbar. Der Wunsch nach Monogamie kann gesund sein, aber auch Ängsten entspringen. Dazwischen existieren viele Gefühlskatastrophen und Gedankenformen. Die verbreitete Promiskuität unter Schwulen hat in meinen Augen damit zu tun, dass viele zu echter Intimität nicht fähig sind. Stattdessen greift man zum evolutionsbiologischen Argument: Männer sind Jäger und brauchen ihre Trophäen. Ich fände es ganz schön traurig, wenn wir nach Tausenden von Jahren Evolution nichts dazugelernt hätten. Aber eine Norm bzw. ein „Gesetz“ würde ich aus der Monogamie nicht machen. Intime Partnerschaft ist auch ohne Monogamie möglich. Warum man das wollte, ist mir allerdings ein Rätsel.

Viele Verfechter der offenen Beziehung argumentieren, Sex außer Haus sei frei von Emotionen, reine Triebabfuhr.
Wie du schon sagst, auf eine Klappe zu gehen und abzuwichsen ist bestenfalls Stressabbau, führt jedoch nirgendwo hin. Die Trennung von Sexualität und Gefühlen ist in meinen Augen sehr ungesund. Und man beraubt sich einer kostbaren Gelegenheit: Durch die Kombination von Intimität und Sexualität kann man sehr viel mehr bewirken als akute Triebbefriedigung. Nur wie, das hat man in der Schule leider vergessen, uns beizubringen.

Unter dem Pseudonym Gerke van Leiden hast du auch Sexgeschichten veröffentlicht. Warum geilt man sich an „Einhandliteratur“ auf, wo man doch beim Video beide Hände frei hat?
Weil Sexgeschichten der Fantasie mehr Spielraum lassen. Im Film sind Figuren, Setting und Atmosphäre vorgegeben. Pornografische Geschichten dagegen sind ein Malbuch, bei dem jeder die Farben selbst wählen kann.

Worin unterscheidet sich eine gute von einer schlechten Pornostory?
Sie muss erregen. Wenn darüber hinaus noch Inhalte transportiert werden, wie Gerke van Leiden das versucht, finde ich es spannender als nur rammel, rammel, spritz!

Welche Quellen der Inspiration nutzt du?
Persönliche Erlebnisse, ob nun meine eigenen oder die von Freunden ist dabei egal.

Favorisierst du eine bestimmte Bezeichnung fürs männliche Geschlecht?
Ein Penis ist nicht so erotisch wie ein Schwanz. Eine Rute hat schnell die Tendenz, lächerlich zu klingen. So geht das mit der Zündschnur weiter. Dass andere Bezeichnungen trotzdem funktionieren, weiß jeder, der meine „Sextipps“ gelesen hat. Es hängt eben vom Kontext ab.

Der absolute Lustkiller?
Schlechter Porn-Talk. Egal, ob auf Video, im Buch oder live.

„Bumsen“, „poppen“, „ficken“, „vögeln“ – wie wird man in ferner Zukunft den Geschlechtsakt nennen?
„Liebe machen“! Nein, nein, Sexualität ist kein intellektueller Prozess, sie findet auf einer anderen Ebene statt. Da sind Instinkte gefragt, gesprochene Worte werden zur Nebensache. Wer zuviel nachdenkt, fabriziert dann womöglich eben schlechten Porn-Talk.

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