|





|
|
Interview, geführt von Dirk Carius
Nachdem in den vergangenen Jahren kaum mehr als leider höchstens ein schwules Buch von dir erschienen ist, gestaltet sich dieser Herbst gleichsam zu deinem erfolgreichsten: Neben deinem neuen, vierten Roman Denn ich wache über deinen Schlaf im Querverlag bringt Bruno Gmünder den zweiten Titel unter deinem Pseudonym Gerke van Leiden heraus. Und Piper bringt nun auch die Taschenbuchausgaben deiner Werke an den Mann. Dazu erst einmal herzlichen Glückwunsch und im Namen aller Niederwieser-Fans: Weiter so!
Wie lange schreibst du eigentlich schon und wie bist du zum Schreiben gekommen?
Angefangen hat das vor etwa 20 Jahren ganz unspektakulär, wie bei vielen mit Gedichten. Einem Liebesgedicht, genau gesagt. Das erste war für meine damalige Freundin bestimmt. Und weil mir das Dichten Spaß gemacht hat, schrieb ich mehr. Aus Gedichten wurden kleine Geschichtchen, langsam reiften längere Handlungsstränge zu Kurzgeschichten und schließlich Romanideen heran.
Der erste Teil der Bernhard-und-Edvard-Saga, An einem Mittwoch im September, erschien 1998 im Querverlag. War das deine erste Buchveröffentlichung oder gab es davor schon andere?
1990 fing ich mit der Schreiberei bei Zeitschriftenverlagen an. In den folgenden Jahren veröffentlichte ich sehr viel: Interviews, Porträts, Reportagen. Mein erstes Buch kam 1996 heraus, eine Biographie über den Musiker Peter Maffay. Dann kehrte ich den Zeitschriften den Rücken und schreib mehrere Sachbücher über alternative Medizin.
 |
|
|
|
Tatsächlich! Dann haben die Titel, die sich in unserer Stadtbibliothek befinden, also doch mit dir zu tun! Bevor du mit dem Journalismus anfingst, hast du ja eine Ausbildung zum Heilpraktiker und Psychotherapeuten gemacht und danach ja dann auch einige Jahre praktiziert. Sicherlich hat dir dieser berufliche Hintergrund bei der psychologischen Ausleuchtung deiner Figuren geholfen?
Natürlich. Die Beschäftigung mit der Psyche hilft mir, meine Figuren zu verstehen. Was treibt sie? Was ist ihr größter Wunsch? Was brauchen sie, um zu in ihrem Leben weiterzukommen? Die Naturheilverfahren und die Esoterik schlägt sich z.B. in Edvards Vorliebe für Tarotlesungen nieder, Malvyns Voodoo-Hokuspokus konnte ich nur schreiben, weil ich mich mit den Heilverfahren der Naturvölker ausgiebig beschäftigte.
In deinem ersten Roman schilderst du die nicht gerade unkomplizierte Entstehung der Beziehung zwischen dem Geschichtslehrer Bernhard und dem quirligen Antiquitätenhändler Edvard, im dritten machst du eine Bestandsaufnahme dieser Beziehung nach 4,5 Jahren. Sind dir diese beiden Charaktere ans Herz gewachsen, wird es eine Fortsetzung geben?
Der Plot für Buch eine solche Fortsetzung liegt in der Schublade. Möglich wäre es schon, aber ich habe zu viele andere Ideen, die ich lieber schreiben möchte.
Genügend Anregungen bzw. einen gewissen Vorgeschmack davon, was es noch zu erzählen gibt, hast du ja in deinem zweiten Roman Das einzige was zählt gegeben. Darin wird das Entstehen und leider schnelle Vergehen einer Beziehung geschildert. Der Schriftsteller Maximilian Roth alias Mäxx stürzt sich von einem Sexabenteuer in das nächste. Dann verliebt er sich in seinen Nachbarn Christian, einen gut aussehenden Ex-Nationalschwimmer, der bald darauf an Aids stirbt. Christian denkt sich verschiedene interessante, gefühlvolle Geschichten aus, die, ausgeschmückt, das Grundgerüst von Romanen sein könnten.
Das sind ein paar der über hundert Kurzgeschichten, die auf der Festplatte meines Rechners darauf warten, das Licht der Welt zu erblicken. Ich glaube kaum, dass je mehr aus ihnen werden wird, dafür habe ich zu viele davon. An meinem zweiten Roman interessiert mich vielmehr Mäxx starke Mutterbeziehung. Er ist 42 Jahre alt und immer noch nicht frei von ihr. Daher auch seine Unfähigkeit, sich zu binden. Dieses Thema würde ich gerne noch weiter erforschen.
Aber Mäxx geht doch ganz verliebt aus dem Roman heraus, oder nicht?
Das letzte Kapitel ist eine romantische Fantasie. Wer sie wachsam liest, merkt, dass sie stark überzeichnet ist. Natürlich hat Mäxx durch seine Gefühle für Christian gemerkt, dass mehr möglich ist, als das, was er bisher für andere Männer empfinden konnte und dass Das einzige, was zählt eben nicht nur Sex ist. Aber so schnell ändert man sich nicht. Leider!
Dieses Thema reizt mich mehr, als die angesprochenen Kurzgeschichten. Es scheint mir, in unseren Kreisen sehr relevant zu sein.
Mäxx Beziehungsunfähigkeit setzt sich im dritten Roman fort, er schlägt zwei weitere Annäherungsversuche aus. Am Ende erfährt der Leser zwar, dass er sich nach Malvyn mit einem anderen Mann trifft, was daraus wird, bleibt allerdings offen.
Martin Ripkens schreibt in einer Besprechung deines dritten Romans, dass du dir in der Figur von Maximilian Roth ein durchaus kritisches selbstironisches Denkmal gesetzt hättest. Inwieweit würdest du dem zustimmen bzw. wie viel deiner eigenen Person liegt in der Figur des Mäxx?
Martin hat damit sicher nicht auf Ähnlichkeiten im Charakter zwischen Mäxx und mir angespielt, dafür kennt er mich zuwenig. Ich vermute, er meint damit, dass ich eben dieses Ende des zweiten Romans im dritten Roman aufgreife und erkläre, dass es eine romantisch verklärte Vorstellung von Mäxx war und nie Wirklichkeit wurde. Als Selbstironie würde ich das allerdings nicht bezeichnen, in meinen Augen ist es die erschreckende Realität, dass viele (nicht nur Schwule) in romantisch verklärten Beziehungen stecken und dadurch zu echter Intimität gar nicht fähig sind.
Greifst du bei der Schilderung von Beziehungen auf eigene Erfahrungen zurück?
Natürlich mischen sich eigene Probleme und Unfähigkeiten in die Geschichten hinein. Man kann aber nur über sie schreiben, wenn man sie zumindest teilweise bewältigt hat, weil man sonst im Problem stecken bleibt. Denn ich wache über deinen Schlaf basiert allerdings auf einer Lebenssituation eines Freundes. Aber auch ich habe erfahren, dass man sich dem Ex auch nach der Trennung noch sehr verbunden fühlen und z.B. Eifersucht empfinden kann, wenn er plötzlich Hand in Hand mit einem neuen Freund auftaucht.
Neben diesen sehr gefühlvollen Romanen völlig zu Recht tituliert dich der Querverlag in seinen Pressemitteilungen als Meister der Gefühle gibt es von dir unter dem Pseudonym Gerke van Leiden einige Sexgeschichten. Zunächst vereinzelt in der einen oder anderen Anthologie, im vorigen Jahr dann geballt in Form einer Sammlung ziemlich deftiger Sexerlebnisse rund um das Oktoberfest (Das Weißwurstfrühstück und andere Sauereien, Bruno Gmünder Verlag). Warum veröffentlichst du diese Storys unter Pseudonym, wenn schon auf dem Buchumschlag das Rätsel gelüftet wird?
Weil es mir nicht darum geht zu verheimlichen, dass ich Pornografie schreibe. Ich wollte nur dem Leser deutlich machen, was er kauft, um zu vermeiden, dass ein Stephan-Niederwieser-Fan Das Weißwurstfrühstück kauft und darüber erschrickt, was er in die Hand kriegt. Für mich wäre das der klassische Fall von Produktschwindel.
Dieser Gerke van Leiden spielt ja auch in deinem zweiten Roman eine Rolle: zunächst als Schnipsel mit Name und Telefonnummer im Portemonnaie von Christian, dann am Ende auch als reale Figur. Er wird als schnuckeliger, aber doch etwas verschüchterter und unbeholfener Typ beschrieben, der sich dann zu einem gefragten Pornostars entwickelt. Gibt es zu dieser Figur einen realen Hintergrund, oder wie kamst du auf diesen Namen?
Der Name war einfach da; ich wusste, wenn ich einmal Pornografie schriebe, würde ich sie unter dem Namen Gerke van Leiden veröffentlichen. Leiden hat übrigens mit Schmerz nichts zu tun, sondern mit der gleichnamigen Stadt im Westen Hollands, in der Gerke in einem reichen calvinistischen Hause aufgewachsen ist.
Dieser Hintergrund ist aber bislang nicht aufgelöst worden.
Das stimmt. Ursprünglich war geplant, dass Gerke in seinem ersten Roman seine Geschichte erzählt: von seiner Initiation auf Key West die im zweiten Roman auch schon angedeutet wird und seiner darauf folgenden Karriere. Diese Geschichte hätte sein Erstling werden sollen, aber dann hatte ich Lust, mit dem Weißwurstfrühstück anzufangen. Seine Biographie kommt dann vielleicht in zwanzig Jahren, wenn Gerke ein gefragter Mann ist *schmunzel*.
Das neue Werk aus der Feder von Gerke van Leiden ist ein ganzer Roman, keine Sammlung von Geschichten. Worum geht es?
Um eine Gang von Ledermännern auf Motorradtour. Ein Heterosexueller schleicht sich ein, weil er gehört hat, dass Schwule gut blasen können. Damit es nicht nur um Sex geht (um den geht es aber hauptsächlich, denn so traurig es ist: Pornografie verkauft sich nun mal wesentlich besser, als alles andere), setzen sich einige Charaktere mit Problemen auseinander: Ein Paar findet durch Sex mit einem anderen heraus, dass sie nicht mehr zueinandergehörig fühlen und trennen sich, ein anderes Paar hat seit Jahren ein Monogamie-Problem und lernt auf dieser Tour, endlich darüber zu kommunizieren, und so weiter. Das Ganze findet dann seinen Höhepunkt in einer okkulten Szene, die aber nur derjenige verstehen wird, der bereit ist, diese Rumfickerei in Frage zu stellen. Für die anderen wird es eine geile, wenn auch sehr extreme Szene mehr sein.
Wie kam es eigentlich, dass Gerke van Leiden nicht wie deine anderen Romane im Querverlag, sondern bei Bruno Gmünder erscheint?
Der Querverlag hat andere erfolgreiche Autoren, die er publizieren möchte Peter Hofmann und Jan Stressenreuter zum Beispiel. So viel, wie ich produziere (2 Romane, 4 Kurzgeschichten und 1 Gedichtzyklus allein in diesem Jahr), kann er nicht veröffentlichen. So bin ich mit der Pornografie zu Bruno, auch weil ich glaube, dass sie bei diesem Verlag besser aufgehoben ist.
Du hast bei Bruno Gmünder ein weiteres Buch herausgebracht, einen Ratgeber: Sextips für Schwule Männer. Obwohl es sicher nicht das ist, was Leser von Stephan Niederwieser erwarten, hast du es unter deinem richtigen Namen und nicht unter Pseudonym veröffentlicht. Warum?
Hätte ich es unter Gerke van Leiden veröffentlicht, würde das nahe legen, dass der Ratgeber nicht seriös ist bzw. dass ich die Inhalte nicht ernst meinen würde. Aber auch wenn ich ihn sehr unterhaltsam angelegt habe, sind meine Tipps sehr ernst gemeint.
Wie zu lesen ist, hast du in Amerika gelebt. Eine größere Bedeutung ist deinen dortigen Erfahrungen bislang aber nicht zugekommen. Woran liegt das?
Amerika spielt schon immer wieder eine Rolle in meinen Werken: Im ersten Roman stirbt Bernhards Vater auf dem Weg in die zweiten Flitterwochen nach Miami, im zweiten Roman fährt Mäxx nach Key West in den Urlaub. In meinem neuen Roman fahren Reiner und Nik nach New York, in der Hoffnung dort ihre Beziehung zu retten. Einen Roman über die USA zu schreiben werde ich erst mal nicht, denn ich bin mittlerweile kein großer Freund mehr von diesem Land.
In Russisches Roulette (in Das Weißwurstfrühstück und anderen Sauereien) gehst du recht überzeugend in die Seele und die Anschauungen einer Gruppe heterosexueller russischer Geschäftsleute ein, die bei ihrem Münchenaufenthalt von der Sekretärin irrtümlicherweise in der Deutschen Eiche untergebracht werden und in der schwulen Sauna deftigen Sex erleben. Nicht nur hast du das Machogehabe stimmig rübergebracht, auch die verwendeten russischen Sprüche findet man nicht in einem Sprachführer oder einem Anfängerlehrbuch. Dennoch hast du, wie du mir erzählt hast, eigentlich keine Beziehung zu Russland. Wie konntest du dennoch so realitätsnah erzählen?
Recherchieren. Vieles beim Schreiben ist Recherche. Ich war ja auch noch nie in Simbabwe, noch ist mir jemals ein Malvyn begegnet. Und trotzdem habe ich in Eine Wohnung mitten in der Stadt das Leben dort beschrieben ebenso, was einem schwulen Afrikaner durch den Kopf gehen mag, wenn er sich in Deutschland umschaut.
Du greifst in deinen Romanen auch immer wieder aktuelle schwulenpolitische Themen auf, wie z.B. die Verfolgung und zum Himmel schreiende Diskriminierung der schwullesbischen Lebensweise in anderen Ländern. Im dritten Roman lässt du Bernhard und Edvard mit einem falschen Priester heiraten, sie andererseits aber die eingetragene Partnerschaft ablehnen. Wie stehst du zum Partnerschaftsgesetz und wie zu einem für alle sichtbaren Symbol deiner Partnerschaft, wie z.B. einem Ring?
Auf der einen Seite ist es toll, dass wir so etwas wie das Partnerschaftsgesetz überhaupt haben also im Gegensatz zu dem, was davor war , andererseits ist es total diskriminierend und einer echten Partnerschaft unwürdig. Ich müsste mir das sehr genau überlegen, ob ich mich mit meinem Partner unter diesen Bedingungen eintragen ließe.
Was die Öffentlichkeit anbelangt, so halte ich es für entscheidend, dass man sich seinem Partner zugehörig fühlt. Und dazu sind weder eingetragene Partnerschaft, noch Party, noch Ringe, noch sonst was wichtig. Für mich kommt es einzig auf den Zusammenhalt, auf das Zusammengehörigkeitsgefühl an. Was nun nicht heißen soll, dass, sollte ich mich wieder fest binden, ich dabei nicht eine Mega-Party veranstalten würde. Es werden Rosenblätter fliegen
In deinem neuen Roman lässt du Bruno über den Symbolgehalt von Ringen nachdenken und feststellen, dass man diese ablegen kann, wenn man vorgeben will, solo zu sein. Sind für dich Eheringe geeignete Symbole einer Partnerschaft?
Wie gesagt, mir geht es darum, dass ich eine Beziehung mit meinem Partner habe, und nicht darum, dass andere das wissen oder nicht. Wenn wir Ringe tragen wollen, werden wir das tun, wenn wir lieber tätowiert sein wollen, dann tun wir das.
Welche anderen Projekte verfolgst du derzeit bzw. was wird man als nächstes von dir lesen?
Es erscheinen Kurzgeschichten in Anthologien von größeren Verlagen. Bei Schneekluth z.B. eine Geschichte über die Probleme des Kinderzeugens in einer jungen Ehe, bei Knaur über eine Liebe zwischen Musikern, etc. Aber meine Aufmerksamkeit gilt immer den Romanen und so denke ich über den nächsten Stephan Niederwieser nach. Auch Gerke wird sicher wieder schreiben. Vielleicht kommt als nächstes der lang erwartete Millionen-Bestseller in einem großen Verlagshaus.
Einen ersten Schritt hast du ja mit der Taschenbuchausgabe deines dritten Romans bei Piper schon gemacht.
© Dirk Carius, Leipzig im August 2003
<- zurück
|