«Die Szene ist ein Produkt von uns - nicht umgekehrt!»Stephan Niederwieser regt zum Nachdenken an - nicht nur im RomanErschienen in der Schweizer Zeitschrift "Cruiser" (www.cruiser.ch), Ausgabe November 2003Das Interview führte Peter WächErfolgsautor Stephan Niederwieser versteht es einmal mehr, in seinem neuen Roman «Denn ich wache über deinen Schlaf» emotional zu berühren. Der Autor stellt die Frage nach der Verantwortung, nach dem, was Menschen jenseits der Rituale von Beziehung und Sex ein Leben lang verbindet. Er erzählt von Liebe und Treue und den Grenzen zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Der «Meister der Gefühle» kann aber auch ganz schön provozieren, wie hier in diesem Interview.Viele, die dein neues Buch lesen, werden sich bestätigt wissen: Schwule Beziehungen zu leben ist nicht einfach. Manchmal macht sich sogar eine Art Hoffnungslosigkeit breit. Haben Schwule mit Nähe und Liebe zulassen mehr Mühe als andere? Oder ist es eine Zeiterscheinung, dass man sich schneller auseinander lebt oder erst gar nicht richtig einlassen will? Beides trifft irgendwie zu. Zum einen hat die Moral (und ich verstehe Moral hier nicht als die von der Institution Kirche vorgeschriebene, sondern die menschliche) an Wertigkeit verloren. Wirtschaft, Politik, Schulbildung, etc., alles ist nur noch auf den finanziellen Fortschritt ausgerichtet, auf Wohlstand und das Anhäufen von «Reichtum». Da ist es kein Wunder, dass menschliche Werte zurückbleiben. Dass Schwule durch den immer noch existierenden gesellschaftlichen Druck stärker belastet sind, steht außer Zweifel. Solange ich es schlecht finde, homosexuell zu sein, und das Problem habe, mich selbst damit zu akzeptieren, wird auch meine Partnerschaft darunter leiden. Sexuell gesehen lebt es sich allerdings nicht schlecht als Schwuler. Mann kommt in der Szene leicht zum schnellen Kick. Ist diese Tatsache mehr Segen oder Fluch? Man kann Sex in der (Halb-)Öffentlichkeit haben und die extremsten Formen der Sexualität ausleben. Aber was bringt es uns wirklich? Sind wir deswegen «freier», nur weil uns mehr Sexpartner zur Verfügung stehen? Ich denke, die Akzeptanz der Promiskuität (mittlerweile gilt dieser Charakterzug ja schon fast als Zierde) nimmt dem Einzelnen die Notwendigkeit, sein Verhalten zu reflektieren. Er tut es einfach, findet es geil, und aus. Er muss nicht mehr darüber nachdenken, ob ihm das wilde Herumvögeln überhaupt etwas bringt. Alle tun das. Die Szene fordert es. Die Freunde tun es ja auch. Also mache ich mit. Inwiefern spielt dabei die Erziehung eine Rolle? Natürlich spielt bei der Frage des «Nähezulassenkönnens» auch die persönliche Historie eine Rolle. Die Dominanz der Mutter im Leben vieler Homosexueller und die Tatsache, dass Frauen emotional andere Bedürfnisse haben als Männer, lässt mich annehmen, dass Schwule emotional mehr missbraucht werden als andere. Vielleicht ist die sexuelle Orientierung sogar eine Konsequenz daraus. Ein emotional missbrauchter Mensch wird sich in Beziehungen schwer tun, denn Nähe bedeutet für ihn Gefahr. Und (solange er nicht reflektiert): Er wird selbst missbrauchen - wie man es in der Szene oft genug erlebt: Sex haben und den anderen stehen lassen (Sex an ihm statt mit ihm haben), Gefühle vorgaukeln, die gar nicht vorhanden sind, von Liebe reden, wenn man Sex meint Unterscheiden sich deiner Meinung nach schwule Beziehungen von denen zwischen Mann und Frau? Ja und nein. Mann und Frau passen nicht wirklich zusammen - es sei denn, sie gehen im klassischen Rollenverhalten auf und fühlen sich darin wohl. Aber Mann und Mann passen auch nicht großartig zusammen: Revier- und Machtkämpfe, etc. Heterosexuelle müssen sich u.a. mit Kinderkriegen, spießig sein und treu bleiben herumschlagen, Schwule müssen - je nach Szene, in der sie sich bewegen - schrill, promisk, angepasst sein. Das ist auch nicht einfacher. Kinder binden, das weiß man. Wenn man etwas Gemeinsames hat, denkt man zweimal darüber nach, ob man sich trennt oder nicht. Das kann gut sein, das kann aber auch schlecht sein. Immer eine Frage, wie der Einzelne damit umgeht. Auffallend an deinem neuen Roman ist, wie schon bei «Das Einzige, was zählt», die Thematik Liebe und Tod. Was hat es damit auf sich? Ist Nähe erst möglich, wenn der andere praktisch nicht mehr «erreichbar» ist? Die banale Antwort lautet: Ich bin Skorpion. Liebe und Tod (Verwandlung) sind meine Lebensthemen, deshalb tauchen sie immer wieder auf. Aber das ist nicht die einzige Antwort. In «Das Einzige, was zählt» ist es tatsächlich so, dass Mäxx sich erst dann richtig verliebt, nachdem er erfährt, dass Christian sterben wird. Es ist sehr sicher, jemanden zu lieben, der unerreichbar ist (s. die «Liebe» von Fans zu ihren Popstar-Idolen). In meinem neuen Buch ist die Sache komplexer. Reiner ist während seiner Beziehung zu Nik so mit der Abgrenzung von seinem Partner und der Ich-Findung beschäftigt, dass er Nik gar nicht mehr sieht. Erst als er ihn «tötet», kommt er zu sich (weil das Gegenüber nicht mehr da ist). Und erst indem er zu sich kommt, kann er Nik wirklich lieben. Lernen wir überhaupt, etwas auszuhalten oder werden wir von der schnelllebigen Szene anders geprägt? Nein, sicher nicht. Die Szene ist ein Produkt von uns, nicht umgekehrt. Sie ist allenfalls ein Spiegel für uns. Der Umgang dort - der Mangel an Ehrlichkeit und aufrichtigen Gefühlen (der ja selten vorsätzlich geschieht, sondern vor allem aus Unfähigkeit) -, das sind wir und niemand sonst. Und natürlich: Indem wir dieses Verhalten (die so genannten «Errungenschaften der Schwulen») akzeptieren bzw. gut heißen, ja als erstrebenswert erachten, prägt es uns wiederum. Ein Teufelskreis. Oder: «Die Geister, die ich rief » Ist es eine Art Musterverhalten, das Mann mal genauer anschauen müsste? Es wäre schön und dem Einzelnen sehr dienlich, wenn er sein Verhalten reflektieren würde. Und zwar nicht ein Mal, sondern ständig. Meine Leitfrage lautet: «Ist das, was du jetzt tust, wirklich gut für dich oder produziert es nur einen schnellen Kick, der dir fünf Minuten Rausch beschert?» Sie schützt mich nicht vor «Fehlverhalten», aber auf Dauer wird mein Leben dadurch wirklicher und reicher. In deinem Buch geht es auch um die Frage: Wann eine Beziehung beenden, wann «weiterkämpfen»? Wann ist für dich persönlich der Zeitpunkt gekommen, einen Mann loszulassen und den Mut zu finden, wieder allein zu leben? Das kann ich nur mit oben erwähnter Frage beantworten. Ganz gleich, ob ich mich auseinandersetze oder Händchen haltend mit meinem Partner am Strand entlang spaziere: «Tut mir das gut? Bringt es mich weiter? Werde ich im Alter auf diesen Zeitpunkt zurückschauen und sagen: Ja, das war es wert?» Für mich gilt: Lieber allein und mit mir im Reinen, als in einer unglücklichen Partnerschaft. Hat es nicht auch mit Ängsten oder Bequemlichkeit zu tun, dass viele an ihrer Beziehung festhalten, obwohl diese nicht mehr wirklich lebendig ist? Paare leben ohne Sex zusammen, andere streiten ständig, wieder andere leben in völliger Symbiose. Für mich oftmals unverständlich, aber für diese Menschen vielleicht genau der richtige Weg. Ich habe auch schon grauenhafte Dinge in Beziehungen durchgemacht. Auch sie haben mich einen Schritt weitergebracht. Es erfordert Mut, seine Beziehung distanziert zu betrachten, und ein gehöriges Maß an Aufrichtigkeit, um sich einzugestehen, dass man Jahre, vielleicht gar Jahrzehnte seines Lebens verschwendet hat. |
Sie sind he