Es ist schwer zu glauben, daß ich ausgerechnet über ein Gedicht für eine Angebetete die Liebe zum Schreiben entdeckte, aber so ist es.

Warum schreibst du?


November 2000 auf den Florida Keys bei meinem Freund Jim.

Diese Frage wird mir immer wieder gestellt, und ich werde wieder einmal versuchen, eine Antwort zu finden: Zum einen macht es mir einfach Spaß, Menschen in (schwierige) Situationen zu stecken und ihnen zu helfen, sie zu bewältigen. Aber das allein ist es nicht, denn es gibt viele Momente, in denen ich die Schreiberei verdamme, z.B. als Christian starb, war mir, als stürbe ein guter Freund.

Eine Nebenwirkung der Schreiberei ist, dass ich das Leben anders wahrnehme: Es wird dadurch zum einen intensiver – als Autor begebe ich mich in Situationen, die ich als Stephan Niederwieser eher vermeiden würde –, zum anderen distanzierter, eben aus den Augen eines Beobachters heraus, was z.B. selbst eine Beerdigung erträglich macht.

Wie ich an den Querverlag gekommen bin
Jan von der Buchhandlung Max&Milian in München empfahl mir einige Verlage; drei rief ich an. Der erste gab mir zu verstehen, daß ich allein durch meinen Anruf alle Chancen verspielt hatte ("Man ruft nicht an; man schickt das Manuskript und wartet!"). Der zweite hielt mir einen halbstündigen Vortrag, wie beschäftigt er sei und ob ich mir überhaupt eine Vorstellung davon machte, wie viele Manuskripte er zu lesen hätte. Jim vom Querverlag dagegen lud mich an einem Samstagnachmittag (weil ich nur dann Zeit hatte) in den Verlag zum Kaffee ein. Dort ließ er sich den Plot von "An einem Mittwoch im September" erzählen, stellte detaillierte Fragen, wie ich diesem und jenem Problem meiner Geschichte begegnen wollte, überflog die ersten fünf Seiten meines Manuskripts, um einen Eindruck von meinem Stil zu gewinnen, und sagte mir dann, dass er interessiert sei. Anderthalb Jahre und viele Korrekturschleifen später war mein erstes Baby geboren.

Wie viel meine Geschichten mit mir zu tun haben
Alles und nichts. Keine Figur ist einem mir bekannten Menschen nachempfunden, kein Schicksal je so von mir erlebt worden. Und doch verstehe ich Bernhard in seiner Ablehnung und Skepsis der schwulen Welt gegenüber. Ich verstehe Edvard, der die Nächte durchtanzt, Drogen nimmt und sich keine großartigen Gedanken über das Leben macht. Ich verstehe die Verletzung von Mäxx, der sich von Menschen zurückgezogen hat, weil er enttäuscht wurde. Ich verstehe Kims Sehnsucht nach dem Mr. Perfect sowie die Blindheit, mit der sie in jede neue Beziehung hineinrauscht. Ich verstehe Lydia, die nie auf die Idee kam, ein Recht auf ein eigenes Leben zu haben, genauso wie Theo, der ein Geheimnis mit sich herumträgt, weil ihn die Preisgabe existentiell bedroht. Ja, und Raimondo? Ich glaube fast, dass er meine heimliche Liebe ist.

Wo ich die Ideen hernehme
a) Ich interessiere mich für Menschen und ihre Geschichten

b) Ich frage mich oft: Was würde passieren, wenn?, und

c) spielen da auch Dinge eine Rolle, die ich nicht erklären kann.

Zu a) 1995 auf dem Oktoberfest erzählte mir eine Stewardess, dass während ihres ersten Auslandsflugs ein Mann an einem Herzinfarkt gestorben war und der Pilot den Ärzten befahl, weiter zu reanimieren, weil er Angst hatte, unter den Passagieren könnte Panik ausbrechen (normalerweise wird der Tote neben einen Arzt in die letzte Reihe gesetzt).

Zu b) Im Naturkostladen rutschte mir der Ring vom Finger und landete in der Steige Datteln. "Was wäre, wenn ich das nicht bemerkt hätte?", fragte ich mich, "ein Mann meinen Ring finden, ihn tragen und mein Freund diesem Mann begegnen würde?" Damit war der zentrale Plot von An einem Mittwoch im September geboren.

Zu c) Ein Theologe machte mich darauf aufmerksam, dass ich die eine Figur, über die Mäxx in Das einzige, was zählt schreiben will, nach einem Erzengel benannt hatte, und dass sie die Rolle inhaltlich voll erfüllt.

Die Schattenseite des Schreibens
Wenn mir etwas Erinnernswertes ein- oder auffällt, notiere ich es. Menschen, die daran nicht gewöhnt sind, reagieren schon mal pikiert. Sie fühlen sich beobachtet und unfrei, fürchten in meinem nächsten Roman aufzutauchen.

Schwierig ist auch, wenn Leser aus meiner Umgebung versuchen, sich in einer meiner Geschichten wiederzufinden (siehe auch Martin Bauman von David Leavitt). Das kann mitunter sehr amüsant sein, in Einzelfällen jedoch auch sehr anstrengend. In einem Fall hat es zum Bruch einer Beziehung geführt.

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