"Erotisch Massieren. Ein Handbuch für Männer" – Leseprobe

Broschiert, 178 Seiten,
Querverlag, 2008
ISBN: 3-89656-154-1

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Sinnlichkeit macht Sinn

„Du bist von dem Moment an verloren, an dem weißt, wie das Ergebnis aussehen wird.“
Juan Gris, spanischer Maler, 1887 – 1927.

Mit dem Begriff „erotische Massage“ verband ich lange Zeit kniehohe Lackstiefel und rote Fingernägel. Selbst wenn ich mir Männer miteinander vorstellte, kam ich über dieses Vorurteil nicht hinaus (zugegeben, es ist ziemlich abgefahren, aber Vorurteile sind noch nie rational gewesen). In meiner Phase als Ledermann habe ich Massage ohnehin nur als „Kinderkram für Spiris und Weicheier“ belächelt. Schließlich brauchen richtige Kerle keinen „Vorwand“, um handgreiflich zu werden. Im Gegenteil, sie haben sich mit sanften Streicheleien nicht aufzuhalten.

Thai-Massage von Thai-Mädchen
Natürlich spielte bei mir das weit verbreitete Vorurteil eine Rolle, dass nur hässliche (heterosexuelle) Männer, die sonst keine abkriegen, sich von zarten Thaifrauen erst die Schenkel massieren lassen, um ihnen zum Abschluss eine flüssige Perlenkette ums Handgelenk zu legen. Meine eigenen Massageerfahrungen taten das Übrige, um diese Vorstellung zu bestätigen. Seit den frühen Achtzigern beschäftige ich mich mit dem menschlichen Körper: Akupunktur, Meridiane, Energiefelder (Fußreflexzonenmassage, Shiatsu, Polarity, Reiki, Chakrenarbeit). Aber ganz gleich, ob ich mich ausbilden oder behandeln ließ (Rolfing, Osteopathie, Kraniosakrale Therapie, Posturale Integration, Atemmassagen, Hakomi-Bodyworks), immer wurden die Genitalien betont ausgespart („Das überlassen wir den Thaifrauen!“, so die Ausbilder, gefolgt vom Gegacker von uns Auszubildenden), die erogenen Zonen weiträumig umschifft oder hart genug angefasst, um bloß keine erotischen Energien anzuregen – pfui!

Ich will damit diese Therapien keinesfalls disqualifizieren, nur zeigen, wie unterkühlt die Klimazone ist, in der die in diesem Buch vorgestellte Arbeit zu gedeihen versucht. Sinnlichkeit ist in unseren Breitengraden nicht gesellschaftsfähig, im Rahmen von professioneller Therapie vielleicht sogar ein Tatbestand für das Einschreiten von Rechtsanwälten. Das Wort „erotische Massage“ darf man allenfalls flüstern oder muss es zumindest in ein Hüsteln einbetten, damit man eine „klare“ (negative) Stellung dazu bezieht, sonst läuft man schnell Gefahr, als Pädo zu gelten. Was erotische Massage mit Kindesmissbrauch zu tun hat? Keine Ahnung. Aber es klingt halt schön verächtlich – Vorurteile sind nie rational.

Sex ist schmutzig
Im Westen sind Sexualität und Erotik außerhalb des Rahmens „Fortpflanzung“ immer noch schmutzig und unmoralisch. Dass erotische Energien zu mehr als zur Befruchtung einer Eizelle dienen könnten, darüber will man in medizinischen Kreisen nicht so recht sprechen. Ich befürchte fast, es wird noch nicht mal darüber nachgedacht, so abwegig erscheint es. Dabei gibt es viele „Krankheiten“, die durch diese Denke überhaupt erst entstehen; unangebrachte Scham zum Beispiel. Warum sollte sich jemand dafür schämen, Erregung zu verspüren?

„Hier in diesem Körper sind die heiligen Flüsse: Hier sind Sonne und Mond und ebenso die ganzen Pilgerstätten. Ich habe noch keinen anderen Tempel gefunden, der soviel Glückseligkeit ausströmte wie mein eigener Körper.“
Saraha, Begründer des buddhistischen Tantras, um Christi Geburt, Indien.

Jetzt hätte ich fast den Faden verloren; diese Bigotterie schmeißt mich jedes Mal wieder aus der Bahn: Nacktheit und Erotik sind zwar immer gut genug, wenn es darum geht, Popmusik, Telefondienste oder Fernsehzeitungen zu verkaufen, aber im Zwischenmenschlichen dürfen sie immer nur einen rot umrahmten Randplatz einnehmen. Die Folgen sieht man am Wandel der Begriffe: Früher wurde der Körper mit „Leib“ bezeichnet, ein Wort, das sich etymologisch von „Leben“ herleitet. Wie weit verbreitet dieses Wort war, erkennt man an einer Vielzahl von Redewendungen in unserem Sprachgebrauch: „Die Rolle ist ihm auf den Leib geschrieben“, „Die Folgen am eigenen Leib zu spüren bekommen“, „Jemandem auf den Leib rücken“, „Keine Ehre im Leibe haben“, „Leibspeise“, „Leibesübungen“, „leibhaftig“ etc. In der Alltagskommunikation benutzt dieses Wort niemand mehr. „Leib“ hat fast schon einen Beigeschmack so wie „dick“, „verschwitzt“, „faltig“. Den Tempel der Lüste bezeichnet man heute ausschließlich mit „Körper“, das sich vom lateinischen „corpus“ herleitet, das Wort für den „Leichnam“. Geil, was?

Streicheln nur für Weicheier
Zurück zu dem, was ich eigentlich erzählen wollte: Gegenüber Tantra-Streichelkram hatte ich also meine Vorurteile, und dann wurde ich vor einigen Jahren angetickert und ausgerechnet mit erotischer Massage zu einer Verabredung gelockt. Ich war neu im Onlinegeschäft und hab alles mitgemacht – man will ja auf dem Laufenden bleiben. So lag ich dann ein paar Stunden später auf dem Bauch, und der Fremde an meinem Fußende schmierte, rieb und rutschte auf mir herum.

Es überraschte mich, dass er nicht die Dinge tat, die ich erwartet hatte (mit einem Latexhandschuh und einer Rolle Küchentücher in greifbarer Nähe zwischen meinen Schenkeln herumfummeln, sondern an meinen Verspannungen zu arbeiten und mit seinem Arsch auf meinem herumrodeln), aber ich fühlte mich bestätigt, weil sich bei mir so gar nichts regte (schließlich war ich weder heterosexuell, noch hässlich und kriegte auch so noch Kerle ab). So ließ ich den armen Kerl an mir werkeln und lachte selbstzufrieden in mich hinein. Aber dann nahm die Geschichte eine plötzliche Wende: Am Ende einer etwa anderthalbstündigen Behandlung bekam mein Internetdate zwar keine flüssige Perlenkette ums Handgelenk gelegt, aber ich jagte meine Ladung an die Zimmerdecke. (Okay, die Massage fand unter einer Dachschräge statt, aber das muss ich ja nicht laut sagen.)

Seither sehe ich sinnliche Massage unter einem anderen Licht. Ich muss nicht hüsteln oder meine Stimme senken, wenn ich davon erzähle, dass ich ein Buch darüber schreibe – nur ertragen, dass meine Gesprächspartner erröten oder schnell vom Thema ablenken. Mögen diese Seiten zum besseren Verständnis einer zu Unrecht schräg beäugten Praxis beitragen und viele Wesen zu verfeinerter Sinnlichkeit, zu intensiverer Lust und mehr Körper- und damit Selbstbewusstsein führen.

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