Trauma und Sex

Sexuelle Traumatisierung

Bevor in Deutschland 2010 die massenhafte sexualisierte Gewalt gegen Jungen in Internaten und Kinderchören bekannt wurde, dachte man bei Missbrauch in der Regel nur an Mädchen. Heute rechnet man in Fachkreisen damit, dass etwa 10 bis 15 Prozent aller Männer in ihrer Kindheit oder Jugend sexualisierte Gewalt erfahren haben.

Prominente machen das Thema sichtbar: So offenbarte der Schriftsteller und Kritiker Fritz J. Raddatz in einem Interview gegenüber der Süddeutschen Zeitung, dass er von seinem Vater im Alter von elf Jahren gezwungen worden war, Sex mit ihm und seiner Stiefmutter zu haben. Man kann sich fragen, ob die Entscheidung, sein Leben durch Suizid zu beenden, davon beeinflusst war. Das Interview wurde ursprünglich unter der Überschrift „Es gab zu viele Verwundungen“ veröffentlicht.

Wenn man von Missbrauchstätern spricht, denkt man in der Regel an Männer. Sie gelten als grenzverletzend, übergriffig, gewalttätig. Dass auch Frauen und Mütter in der Lage sind, (ihren) Kindern Gewalt anzutun, dringt noch kaum ins Bewusstsein der Gesellschaft vor. Der ehemalige Zuhälter Andreas Marquardt ging mit seiner Leidensgeschichte an die Öffentlichkeit: Jahrelang wurde er von seiner Mutter zu Genitalverkehr mit ihr gezwungen. Seine Autobiografie Härte wurde verfilmt und kam 2015 in die Kinos.

Tauwetter, die Berliner Beratungsstelle für Männer, die sexuelle Gewalt erlitten haben, geht von 25 Prozent weiblichen Tätern an Jungen aus. Der Psychologe Alexander Markus Homes (2004) hat Studien aus der ganzen Welt zusammengetragen und rechnet international mit 80 Prozent weiblichen Tätern, national mit 40 Prozent. Fragt man beim Beauftragten für sexuellen Missbrauch nach, findet man in der Expertise „Häufigkeitsangaben zum sexuellen Missbrauch“ gleich am Anfang den Satz: „Genaue Angaben zur Häufigkeit sexueller Viktimisierung von Kindern und Jugendlichen in Deutschland [ist] aufgrund der vorhandenen Daten kaum möglich." Die unterschiedlichen Zahlen entstehen dadurch, dass Forscher verschiedene Kriterien für die Erhebung ihrer Daten zugrunde legen. Gilt nur das Deponieren von Kieselsteinen oder Glasscherben unter der Vorhaut als Gewalt oder das Zufügen von Verbrennungen oder Penetration? Nicht zuletzt ist besonders bei Trauma die Erinnerung trügerisch. Vor allem werden Opfer oft nur befragt. Und das hat gleich mehrere Haken.

Zum Beispiel neigen Männer dazu, ihre Opfererfahrung umzuinterpretieren, resümiert Andreas Kloiber in einer der wenigen Studien, die in Deutschland je zu Missbrauch an Männern erstellt wurden: „In den meisten Untersuchungen, die diesen Aspekt beleuchteten, bewertete die Mehrzahl der Probanden ihre sexuellen Missbrauchserlebnisse als bedeutungslos oder gar positiv für ihre weitere Entwicklung.“ Gleichzeitig litten viele der Befragten unter Alkoholismus, Drogenkonsum, waren arbeitslos oder psychisch schwer angeschlagen.

Lesen Sie den ganzen Beitrag in Ruppert/Banzhaf (hrsg.): Mein Körper, mein Trauma, mein Ich.

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